Alte Texte und moderne Technik: Silverlight vs. Flash - der Kampf um die Bibliotheken

Für einen biblophilen Menschen wie mich ist die Veröffentlichung eines alten Manuskripts immer ein Fest. Handelt es sich dann auch noch um eines der bedeutensten Manuskripte, dann ist die Freude doppelt. Im Internet veröffentlicht wurde jetzt der Codex Sinaiticus, ein ägyptisches Bibel-Manuskript aus dem 4. Jahrhundert. Der Kodex enthält große Teile des Alten und ein vollständiges Neues Testament. Die Eigentumsfrage des Codex ist etwas verworren, genau weiß man lediglich, dass am 7. Februar 1859 das Manuskript von Konstantin von Tischendorf im Katharinenkloster am Berg Sinai (Ägypten) entdeckt wurde, während er im Auftrag des russischen Zaren Alexander II. unterwegs war, um alte Manuskripte zu suchen und zu erwerben.1975 wurden weitere Blätter des Codex Sinaiticus in dem gleichen Katharinenkloster gefunden.

Durch Microsoft Silverlight kann man sich seit dem 8. Mai 2008 (Pressemitteilung) 43 Blätter des Codex Sinaiticus anschauen. "Leider" ist es nur Microsoft Silverlight 1.0, so dass Features wie DeepZoom oder ähnliches per Hand erstellt werden mussten. Die Umsetzung ist aber äußerst gut gelungen und reiht sich ein in die Kette der musealen Projekte, die inzwischen mit Microsoft Silverlight realisiert wurden.

Silverlight vs. Flash und der Kampf um die alten Texte

Am 12. April 2008 ließ die Library of Congress ein Projekt in der Presse feiern, das den Titel "Library of Congress Experience" trägt. Dieses Projekt wurde bereits im März 2008 angekündigt und fand eine rege Diskussionsbasis. Vor Allen fragte man sich: warum die ehrwürdige LOC nun statt Flash die neue Microsoft Silverlight Technologie verwendet, wo doch alle Welt bereits Flash besitzt. Die Antwort bestand aus zwei schwerwichtigen Gründen: Zum einen sind Projekte wie das Chicago's Goodspeed Manuscript Collection Project nicht durch großartigen Erfolg gesegnet. Diese Flash Anwendung entstand mit Hilfe eines Budgets, das nach und nach in ein solches Projekt hineintröpfelt und sieht dementsprechen wenig überzeugend aus. Zum zweiten kam im Februar 2008 Microsoft mit einem 3 Millionen Dollar Paket unter dem Arm an und trat als Sponsor der Library of Congress Experience auf - unter der Bedingung, dass es in Silverlight realisiert werden sollte. Welcher Mensch, der sich mit neudeutsch "Fundrasing" auseinandersetzt, hätte da nicht sofort "JA" gesagt. Für beide Seiten ein Gewinn. Microsoft gewann damit ein Prestigeprojekt, das überzeugend gelungen ist und die Bibliothek ist wieder ein Stückchen moderner und attraktiver geworden.

Das Projekt für die Digitalisierung des Codices Sinaiticus besteht seit dem Dezember 2006 als ein Gemeinschaftsprojekt der British Library, der Universitätsbibliothek Leipzig, der Russischen Nationalbibliothek und des Katharinenklosters zu einer Zeit als Silverlight noch unter dem Codenamen „WPF/E lief. Leider haben wir kein Wissen darüber, welche Motivation hier den Entscheid für Microsoft Silverlight gab.

Interessant dabei und eventuell in einem Zusammenhang zu sehen ist ein weiteres Projekt "Turning the Pages" der British Library. Dieses ist ganz besonders spannend, da hier eine funktionierende Flash Anwendung gegen eine neue Silverlight Anwendung ausgetauscht wurde:

The standard version of Turning the Pages™ uses the Shockwave plugin, which can be downloaded free for PC or Mac from the Adobe website, to simulate the action of turning the pages of a real book.

A new version, Turning the Pages 2.0™, runs on Microsoft Vista operating system (and on Windows XP with the .NET 3 framework). It will also run on other operating systems using the Microsoft Silverlight plugin.

Die neue Silverlight Version kann man sich in der Auswahl als XAML Browseranwendung (XBAP) für Microsoft Vista Besitzer oder als Silverlight Plugin für den Rest der Welt anschauen. Ich habe mir das gleiche Buch, Arbuthnott Missal (1491), in beiden Versionen angeschaut:

Bereits im Menü zeigt die XAML Browseranwendung (XBAP).  ihre 3D Möglichkeiten. Nicht, dass es notwendig wäre, aber es sieht besser aus. Die Silverlight 1.0 Anwendung kann mit dem Menü und der Buchauswahl nicht wirklich punkten.

Browseranwendung Turning the Pages

Silverlight Plugin Turning the Pages

In der folgenden Browseranwendung Buchansicht hat die Browseranwendung deutlich die Nase vorn. In einer schönen Animation wird genau das vorgenommen, was im Titel versprochen wird: es werden die Seiten umgeblättert.

Browserandwendung Turning the Pages

Silverlight Plugin Turning the Pages

Vergleichen wir die beiden neuen Versionen mit der alten Shockwave Flash Version, so erhalten wir ein etwas runderes Bild von dem Projekt. Diese besitzt auch die Möglichkeiten, die Seiten zu blättern, allerdings mit einer unangenehmen Usablity (Draggen mit der Maus).

Adobe Shockwave Turning the Pages

Die Silverlight Version 1.0 von Turning The Pages ist auf keinen Fall eine Bereicherung oder einer Weiterentwicklung. Sie ist eine rudimentäre Abbildung der Shockwave Variante mit einem anderen Design. Inzwischen wissen wir, dass Silverlight mehr konnte und in Zukunft noch viel mehr kann. Die XAML Browseranwendung ist leistungsfähiger und mit einer besseren Usability versehen. Insgesamt aber besitzten alle drei Anwendungen in der Usabilty deutliche Verbesserungspotentiale (um es freundlich auszudrücken).

Der technische Vergleich zwischen Flash und Silverlight fällt zugunsten der Microsoft Technologie aus. Diese lässt sich in den bekannten Browsern für alle Anwendungen problemlos installieren. Ich habe hier als Beispiel mal den Firefox 2.0.0.14 verwendet. Der Shockwave Player ließ sich nicht automatisch installieren. Erst als in im Internet Explorer manuell die Player Version 11 installiert hatte, installierte sich die 10er Version des Shockwave Players im FireFox plötzlich automatisch. Mir völlig unklar warum.

Auch Java spielt mit

Doch nicht nur Adobe und Microsoft spielen den Sponsor für die Digitalisierung von alten Texten. Der Wolfenbüttler Sachsenspiegel, eine der bedeutendensten mittelalterlichen Gesetzesschriften, wurde mit Hilfe von Sun realisiert. Die Realisierung ist optischn nicht so überzeugend, aber erfüllt völlig ihren Zweck.

Sachsenspiegel mit Java

Betrachtet man die Digitalisierungen, die im Internet verfügbar sind, so ist tatsächlich Java in Form von Javascript Anwendungen führend in der Verbreitung. Allerdings geht es dabei nur um "einfache" Galerien, die selten über die vom Anwender gewünschte Funktionaltät oder gar Performanz verfügen. Die Benutzung der Digitalisate ist eher nervenaufreibend, auch mit einer Breitbandleitung.

Neue Technologie für alte Texte ist notwendig

Javascript Galerien sind keine gute Lösung für hochauflösende Abbildungen, die im Zusammenhang mit Schriften stehen. Allein die Verbindung zwischen ordentlicher Transkription und Übersetzung an einem Wort oder Zeichen mit den verschiedenen Varianten darstellen zu können, wäre für die Freunde der Handschriften eine geliebte Funktion. Funktionen wie DeepZoom würden das schnelle und flüssige Skrollen in drei Dimensionen erlauben. Langsamer Wechsel zwischen Thumbnails und Bildern, Menüs und Texten und Seiten sollten der Vergangenheit angehören.

Digitalisate stellen eine Herausforderung an die neuen Technologien, hier kann man Sponsoring sinnvoll einsetzen, um die Leistungsfähigkeit einer Technologie zu beweisen. Ich freue mich auf die nächste Runde im Kampf um die alten Texte.

Filed under: ,

Comments

No Comments

Leave a Comment

(required) 
(required) 
(optional)
(required)